Wenn Winzer Farbe bekennen
Wenn unsere Delinat-Winzer über Farbe nachdenken, dann geht es um intensives Rot, lebendiges Grün, kräftiges Blütengelb und die ganze Palette, die die Natur zu bieten hat. Erst recht, wenn es ums Farbebekennen im naturverbundenen Weinbau geht.
Text
Nina Wessely
Redaktorin 17.10.2025
Grün – die Hoffnung von Navarra
Heute ist ein guter Tag. María Barrena streift durch ihre Weingärten am Rande der Bardenas Reales, eines Wüstengebiets im spanischen Navarra. Ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Ihr Hund Pelut, der Haarige auf Katalanisch, ist ihr ständiger Begleiter. Die Spanierin hat ihren typischen weisen, wachen Blick aufgesetzt. Denn bald ist es so weit: Die Ernte der Garnacha-Reben kann beginnen. María weiss das, die Reben scheinen es zu wissen. Zärtlich streicht die Winzerin über die Blätter. Warum sie das tue? «Weil es doch auch einmal schön ist, die Blätter zu fühlen, oder nicht?»
Natürlich. Ein schöner Ausspruch der Winzerin, der einem bewusst macht, wie sehr man doch in seinem Deadline-Output-Denken verhaftet ist. María Barrena sieht die Welt mit anderen Augen, wie es scheint, in besonders schillernden Farben. Und deshalb ist Farbe bekennen für die Winzerin vom Weingut Azul y Garanza auch keine Entscheidung, sie kann gar nicht anders. Und das seit inzwischen 26 Jahren.
«Wie wir die Natur und den Weingarten pflegen, ist eine Konsequenz davon, wie wir die Welt sehen. Die Weine sind eine Konsequenz unserer Lebenseinstellung, die von unserer Verbundenheit mit der Natur und ihrer Herkunft spricht.» Fragt man die Spanierin nach einer Farbe, die für ihre Weine steht, fällt als Erstes «Grün». Auch wenn der Name des Weinguts selbst eine Hommage an die Farbe ist, denn Azul y Garanza bedeutet übersetzt «Blau und Karminrot».
Die Erklärung für das «Grün» jedoch leuchtet ein: «Farben sind die poetische Sprache der Natur. Grün ist die Farbe der Hoffnung. Wenn etwas grün ist, ist es voller Leben. Und für mich steht Grün auch für Träume. Für den Traum, ein Gebiet am Rande der Wüste wieder grün werden zu lassen und somit einen Lebensraum für Pflanzen und auch viele Tiere zu schaffen», lächelt María.
Die Farbe im Wein ist durch Werte wie den IPT (Intensität der totalen Polyphenole) oder IC (Intensität der Farben) im Labor definierbar. Diese Parameter liefern wichtige Hinweise für den Wein, und doch ist die Thematik der Farbe im Wein und des Farbebekennens in der Weinbereitung so viel breiter und nicht ganz so leicht an Zahlen und Werten festzumachen. Das zeigen Marías leuchtende Erzählungen über Farbe in ihrem Umfeld.
Ocker – die Erinnerung an die Wüste
«Ocker für die Wüste, Grün für die Hoffnung und unsere wunderschönen Weingärten im Wüstengebiet, Weiss für die Wolken über den Wüstenhügeln, der alles verbindet und Platz lässt: für das Leben und für Träume», philosophiert María Barrena über die Welt der Farben im Wein.
1999 haben María Barrena und Dani Nogué die alte Kooperative in Carcastillo in Navarra erstanden. Mit der Idee, der Natur Raum zurückzugeben und Weine zu machen, die das reflektieren. Heute sind dort Nützlingshecken, Kräuterinseln und blühende Weingärten zu finden – ein Mosaik der Biodiversität, wie es die Delinat-Richtlinien vorsehen. Aus Ocker ist Grün geworden. Ein eindrückliches Beispiel dafür, was Farbe bekennen im Weinbau bedeutet.
Blau – die Tiefe im Glas
Und doch bleibt das Bild unvollständig ohne Blau – die Farbe, die dem Weingut, neben Karminrot, den Namen gab. «Unsere Weine haben eine besondere Tiefe, sogar in den Analysen zeigt sich ein hoher Blauanteil», erklärt Maria. Aber Blau steht für sie nicht nur für Konzentration, sondern auch für Spuren.
Weinspuren auf der Bluse hingegen sorgen meist für keine Freudenstürme, so sehr man Wein auch mögen mag. Bis das Gespräch mit María auf dieses Blau kommt und eine gänzlich andere Perspektive auf Weinflecken auf dem Gewand offenbart: «Wein befleckt dich. Deine Bluse. Auch beim Weinmachen gibt es Flecken auf der Kleidung und blaue Finger. Das passt doch gut zu dem Gedanken, welche Flecken man im Leben hinterlassen möchte. In der Landschaft. Womit wir wieder beim Ursprung unseres Handelns angekommen sind.»
Eine Farbe allein ist für María unmöglich – auch die Natur bestehe schliesslich aus einem bunten Reigen. «Wir sind doch alle von der Farbe des Regenbogens», sagt die Winzerin. «Im Regenbogen finden wir die Farben des Lebens, des Wassers und der Sonne – Blau und Gelb, ohne das gibt es kein Leben, das Grün, und auch Liebe braucht es – Rot.
Ein Regenbogen, der auch am Gaumen eine freudige Hommage an die Landschaft, die Menschen darin und an deren Mission im Leben darstellt.
Schwarz macht Rubinrot
Neri, aus dem Italienischen übersetzt «schwarz», ist in der Toskana zu Hause. Wenn er, Neri Gazulli, durch seine Weingärten der Tenuta San Vito geht, dann ist es das Rubinrot des Chianti, das seine Gedanken färbt. «Es ist die Farbe unserer Weine des Lebens hier, typisch für den Chianti aus den florentinischen Hügeln», lächelt Neri Gazulli.
Der Herbst, wenn auch im Weingarten alles in diese rötlichen Nuancen übergeht, das ist Neris liebste Zeit. Rötliche Reflexe, so weit das Auge reicht. Wobei rein farblich kein massiver Unterschied auszumachen ist zwischen biologischer und konventioneller Weinwirtschaft, erklärt Neri. Und doch scheinen die im Einklang mit der Natur entstandenen Farben der Weine authentischer und weniger banal zu sein, ist sich der Winzer sicher.
Farbe bekennen als Delinat-Winzer, der sich intensiv mit dem Boden und der- Biodiversität auseinandersetzt, muss man laut Neri so gut wie immer. «Es geht darum, zu zeigen, dass der Wein ein Produkt aus 365 Tagen Arbeit ist. Nicht alle wissen um die Arbeit, die hinter einer solchen Flasche Wein steckt.» Manche interessiert es auch nicht. Aber die, die es erkennen, schätzen es umso mehr.» Und es sei ein erhebendes Gefühl, diese Rückmeldungen zu bekommen.
Denn: «Die Zufriedenheit, die entsteht, wenn man mit der Natur in seiner Heimat zusammenarbeitet, ist unvergleichlich. Jetzt dürfen wir bald die Früchte unserer Arbeit geniessen, und der Kreislauf beginnt von Neuem», lächelt Neri und ist bald zwischen roten Rebzeilen verschwunden.
Gelb – wenn Siziliens Blüten blühen
Massimo Maggio im Süden Italiens, auf Sizilien, sieht Gelb, wenn er an seine Weingärten denkt. Das ist der Anfang des Weinjahrs, wenn es zu blühen beginnt. Und er sieht Grün: «Weil diese Farbe für Vitalität steht. Sie ist das Symbol für die Gesundheit. Grüne Reben sind gesund, sie haben eine vitale Energie.»
Der Sizilianer steht für Biodiversität wie kaum ein anderer in der Region. Mit drei Schnecken von Delinat ausgezeichnet, übertrifft sich die Natur in Maggios Breitengraden immer wieder selbst. Blüht, gedeiht und bringt Weine hervor, die diese reiche Natur widerspiegeln. «Wir haben schon sehr früh verstanden, dass wir nur mit Respekt vor der Natur mit ihr zusammenarbeiten können», so der Winzer.
Das sei in dem Sinn auch sein «Farbebekennen ». Denn ohne Natur kann der Mensch nicht, und er als Winzer sieht in seiner Arbeit auch die Verantwortung, die Landschaft noch gesünder zurückzulassen, als er sie vorgefunden hat. «Für meine Kinder, für deren Kinder und so weiter», lächelt Massimo.
Dafür gelte es, auch vor den Abnehmern Farbe zu bekennen und Haltung zu zeigen. «Denn dieser kleine Unterschied im Preis garantiert ein ethisches Produkt, das unter guten Arbeitsbedingungen, der Einhaltung der Menschenrechte und in Zusammenarbeit mit dem Rebstock und der Natur um ihn herum entstanden ist.» Und das kann man sich getrost gut schmecken lassen.
Über die Autorin
Nina Wessely, Redaktorin
Ich liebe Wein. Und ich liebe die Natur. Beides bei Delinat gefunden zu haben, macht mich glücklich. Und von diesem Glück erzähle ich gerne.