Wie entstanden Venetiens Kanäle?
Was heute ein verführerisches Landschaftsbild ist, diente früher der Landgewinnung und der Möglichkeit die Böden auch in landwirtschaftlicher Hinsicht zu nutzen.
Text
Martina Korak
Önologin 14.02.2026
Die Ebene Venetiens ist ein flaches Tiefland, geprägt durch Alluvialablagerungen von Flüssen, die aus den Alpen stammen. Die Böden bestehen häufig aus feinen Sedimenten (Ton, Lehm, Schluff, Sand). Sie sind durch eine hohe Grundwasserlage und geringe natürliche Drainagefähigkeit charakterisiert.
Solche Böden und das flache Terrain führen historisch dazu, dass ohne künstliche Massnahmen weite Gebiete sumpfig oder nur eingeschränkt nutzbar waren. Über viele Jahrhunderte — beginnend schon in der Zeit der Republik Venedig und intensiviert im 18. bis 20. Jahrhundert — wurden grosse Teile der feuchten Landschaft durch eine gezielte Landgewinnung beziehungsweise Trockenlegung in nutzbare Acker- und Weideland umgewandelt. Dafür legte man ein dichtes Netz aus Kanälen, Gräben und Dichtungen (Dämme, Schleusen etc.) an.
Ein Kanal, viele Zwecke
Diese dienen mehreren Zwecken gleichzeitig: Der Entwässerung beziehungsweise der Trockenlegung: Die Kanäle sorgen dafür, dass überschüssiges Wasser abgeleitet wird. So wurden einst Seen, Marschen und Feuchtgebiete trockengelegt und landwirtschaftlich nutzbar gemacht.
Schutz vor Überflutung
Gerade entlang von Flüssen und Küsten konnte das tiefe Gelände bei Hochwasser oder Sturmfluten gefährlich werden. Durch Kanäle, Deiche und Schleusen sollte das Hochwasserrisiko kontrollierbar gemacht werden.
Bewässerung / Wasserverteilung
In Perioden mit Trockenheit oder bei Bedarf kann Wasser durch diese Kanäle geleitet werden. Das versorgt Felder mit Wasser. Die Bewässerung ist besonders wichtig, da die Böden eine geringe natürliche Wasserspeicherkapazität und oft wenig organische Substanz haben. Ein Teil des Kanalsystems im Gebiet heisst Litoranea Veneta. Dies ist ein Netz von schiffbaren Kanälen und ehemals natürlichen Flussläufen, das sich über Hunderte von Kilometern erstreckt.
Ursprünglich hatte dieses Kanalsystem nicht nur agrarische Funktion. Denn es verband Siedlungen, Flüsse und die Küste miteinander. Bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts diente es dem Transport von Gütern und Personen. Mit der zunehmenden Bedeutung von Strassen und Eisenbahn ging die wirtschaftliche Nutzung für den Transport zurück. Das Kanalsystem behielt aber seine Bedeutung für Landgewinnung und Landwirtschaft. Durch die Trockenlegung und künstliche Entwässerung wurde aus vormals sumpfigen Marschen fruchtbares Ackerland.
Aus Feuchtgebiet wird Agrarlandschaft
Damit erfolgte eine erhebliche Landgewinnung und eine wirtschaftliche Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität. Zugleich änderte sich die Vegetation. Wo früher natürliche Feuchtgebiete, Schilf und Marschwälder waren, entstanden Agrarlandschaften mit Feldern, Wiesen, und – im Laufe der Zeit – auch Industriezonen und Siedlungen.
Der künstlich geprägte Wasserhaushalt und das Kanalsystem sind heute integraler Bestandteil der Landschaft. Bodenwasser, Grundwasser, künstliche Entwässerung und Bewässerung halten das Gleichgewicht. Denn ohne diese Infrastruktur wäre Landwirtschaft in vielen Gebieten kaum möglich. Die vielen Wasserkanäle in der venezianischen Ebene zwischen Triest und Venedig sind kein Zufall. Sie sind das Ergebnis jahrhundertelanger Planung und Ausdruck einer bewussten Landgewinnungs-, Entwässerungs- und Bewirtschaftungsstrategie. Ursprünglich entstanden, um einst mangels natürlicher Entwässerung unbrauchbare Feuchtgebiete in fruchtbares Ackerland umzuwandeln, und dabei zugleich Überflutungen zu verhindern.
Später wandelte sich ihre Rolle: Vom Verkehrsweg hin zu einem stabilen Fundament der Landwirtschaft. Heute prägen sie nach wie vor das Landschaftsbild. Zudem ermöglichen sie die intensive Nutzung großer Ebenen, die ohne sie unbewohnbar oder kaum nutzbar wären.
Über die Autorin
Martina Korak, Önologin
Wein lässt sich nicht aufzwingen, manchmal ist er beschwingt und fröhlich, manchmal zurückhaltend und anmutig, manchmal launisch, gar rebellisch. Diese Erkenntnis fasziniert mich immer wieder.