Die Hundertjährigen, die sich aus dem Fenster lehnten und nicht verschwanden
Unsere beiden Veneto-Winzer Fasoli und Savian haben 2025 ihren 100. Geburtstag gefeiert. Schon vor vielen Jahren haben sie sich in ihrer Region als Bio-Pioniere aus dem Fenster gelehnt und sind, anders als der «Hundertjährige» im Roman von Jonas Jonasson, nicht verschwunden.
Text
Hans Wüst
Redaktor 11.11.2025
Der Roman «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» beginnt so: Allan Karlsson, flieht an seinem 100. Geburtstag aus dem Altersheim und macht sich auf eine abenteuerliche Reise quer durch Schweden.
Ähnlich abenteuerlich verlief die Reise der beiden Delinat-Weingüter Fasoli und Savian durch die Weinbaugeschichte der italienischen Region Veneto. Die beiden hundertjährigen Familienbetriebe gehören zu jenen Pionieren, die sich schon in den 1980er-Jahren aus dem Fenster gelehnt und auf den damals verpönten Bioweinbau gesetzt haben. Noch heute stehen sie in alter Frische und voller Tatendrang als ökologische Vorzeigebetriebe da.
Der traurige Anblick des Vaters
«Was uns zum Umdenken bewegt hat, war der Anblick meines Vaters Gino, der sich im Rebberg mit Pestiziden vergiftet hatte», sagt Natalino Fasoli. «Während wir umstellten, lachten sich unsere Nachbarn ins Fäustchen. Für sie war klar, dass ein Weinberg mit reicher Biodiversität, Bäumen und Unkraut keine Zukunft hat.»
Den neuen Weg, den die Fasolis mit grosser Beharrlichkeit einschlugen, war in der Tat lang und alles andere als einfach: Er brachte viel zusätzliche Handarbeit, ein Markt für Biowein fehlte fast komplett und Rückschläge im Weinberg galt es zu verkraften. Das war in den frühen 1980er-Jahren. Die abenteuerliche Durststrecke dauerte ein ganzes Jahrzehnt.
Ein wunderbarer Moment sei dann der Einstieg von Delinat gewesen, erinnert sich Natalino Fasoli. «Sie hatten bereits einen guten Absatzmarkt für Biowein und klare Vorstellungen, wie Weine im Einklang mit der Natur zu produzieren sind. Das hat uns geholfen, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen.» Die Fasolis waren aber nicht nur Vorreiter im ökologischen Weinbau, sie gehörten auch zu den ersten, die mit radikalen Ertragsbeschränkungen und sanfter Vinifikation den Qualitätsweinbau im Valpolicella förderten.
Was der Grossvater Amadio Fasoli 1925 mit Fassweinlieferungen an die Osterias von Verona, Vicenza und Padua begann, entwickelten die nachfolgenden Generationen zu einem renommierten Weingut, dessen Weine heute weit über die Bioszene und Italien hinaus einen ausgezeichneten Ruf geniessen. Mit Sohn Matteo Fasoli, Sohn von Natalino, sitzt jetzt auch schon die vierte Generation im Führungsboot.
Ein Geschenk an den Kriegsveteranen
Die Geschichte der Azienda Le Contrade, die aktuell von William Savian und seinen Söhnen Gabriele und Lorenzo geführt wird, beginnt mit einem Geschenk: Williams Grossvater Marco Savian erhielt für seine Verdienste als Veteran des Ersten Weltkriegs vom Staat die Podere Bainsizza geschenkt, ein kleines, vier Hektar grosses Grundstück in Loncon di Annone Veneto, keine 80 Kilometer nordöstlich von Venedig gelegen.
Der anfänglich gemischtwirtschaftliche Bauernhof entwickelte sich über ein ganzes Jahrhundert mit viel Respekt vor der Natur zu einem topmodernen, heute über 90 Hektar grossen, energieautarken Weinbaubetrieb. «Den Entscheid, sich von der Chemielobby im Agrarsektor zu verabschieden, fällte mein Vater Arnaldo schon den 1980er-Jahren. Seit 1993 sind wir vollständig biozertifiziert», sagt William Savian, der das Gut 1999 übernommen hat.
Die 1990er-Jahre sind den Savians als echte Herausforderung für Pioniere in Erinnerung geblieben. Das Wort Bio war damals in Italien kaum bekannt. «Deshalb glaubten nur wenige an unser Projekt. Aber wir haben uns entschieden, gegen den Strom zu schwimmen», so William Savian. Dass der Weg derart abenteuerlich werden würde, habe man aber nicht erwartet. «Zu Beginn fehlten technische Referenzen, zertifizierte Produkte und sogar wirklich gut vorbereitete Kontrollstellen. Aber durch Experimentieren, Tüfteleien und neue Techniken haben wir stets die für uns richtigen Lösungen für ein modernes Weingut im Einklang mit der Natur gefunden.» Es sei ein Weg voller Geduld, Engagement und Neugier gewesen. Er habe zu einem erhellenden Einblick in das natürliche Gleichgewicht eines Weinbergs geführt.
«Wenn wir heute zurückblicken, sind wir stolz darauf, an diese Vision geglaubt und sie gelebt zu haben.» William weist auch darauf hin, dass Delinat ab 2007, als die Zusammenarbeit begann, zu einem wichtigen Wegweiser geworden sei. «Die Delinat-Methode hat uns wertvolle Impulse zur Verbesserung der Biodiversität und der Nachhaltigkeit gegeben. Und sie hat uns auch zum Anbau neuer, pilzresistenter Rebsorten (PIWI) und dem Bau grosser Solaranlagen inspiriert.»
Der eine verschwindet, die anderen feiern
Allan Karlsson hatte keine Lust seine 100 Lenze zu feiern, obwohl sogar der Bürgermeister ins Seniorenheim gekommen wäre. Seine Heimschwester hatte ihm den Schnaps verboten und so ist der Hundertjährige einfach aus dem Fenster gestiegen und abgehauen.
Die Familien Fasoli und Savian hingegen zeigten sich zu ihrem 100. in Feierlaune. «Wir haben einen Jubiläumswein kreiert und mit diesem im Teatro Ristori in Veneto mit vielen Weggefährten tüchtig auf 100 Jahre angestossen», erklärt Natalino Fasoli. Ferner wurde eine Jubiläumsbroschüre herausgegeben und ein Video geschaffen, das die Fasoli-Philosophie zum Ausdruck bringt. Und als Zeichen der Zukunft wurden in und um die Weinberge 100 Bäume gepflanzt.
Ein grosses Fest gab es im Sommer 2025 auch bei William Savian. Auf dem Weingut wurde mit jenen Leuten gefeiert, die das alles möglich gemacht haben: Kunden, Mitarbeitende, Freunde und Familie. Die Gäste durften eine Flasche des neuen Jahrgangs vom Bainsizza als Jubiläumsgeschenk mit nach Hause nehmen. William Savian: «Darin enthalten ist nicht nur ein guter Merlot, sondern auch unsere 100-jährige Liebe zu unserem Land.»
Reise zu den Hundertjährigen
Wer unsere Hundertjährigen aus dem Veneto persönlich kennenlernen und ihnen im Rebberg und Keller über die Schultern schauen möchte, kommt am besten mit auf unsere neue Veneto-Reise, die vom 7. bis 11. Mai 2026 stattfindet. Alle Details und Anmeldung zu dieser und weiteren Delinat-Reisen gibt es hier.
Über die Autorin
Hans Wüst, Redaktor
Die Natur fasziniert mich. Und Wein, als eine Facette davon, ganz besonders. Bei Delinat gibts beides in einer wunderbaren Symbiose.