Hecken und Waldränder, die unterschätzten Helfer im Rebberg
Lange galten Hecken, Steinhaufen und Waldränder als Störfaktoren im Weinbau. Heute weiss man: Sie sind wertvolle Verbündete für gesunde Reben und eine lebendige Landschaft.
Text
Emil Hauser
Weinakademiker 07.07.2026
Bei Verbesserungsarbeiten in und um den Rebberg wurden bis anhin Hecken, Steinhaufen und Feldgehölze recht unbedacht beseitigt. Auch an Rebberge grenzende Waldränder galten lange als schädlicher Schattenwurf und wurden entsprechend zurückgedrängt. Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass sowohl zahlreiche einheimische Heckenpflanzen als auch das Unterholz von Wäldern zahlreichen Tierarten Lebensraum bieten, die für den Weinbau von grosser Bedeutung sind. Diese Erkenntnis verändert die Sichtweise vieler Winzerinnen und Winzer grundlegend: Was einst als überflüssiges Beiwerk galt, entpuppt sich zunehmend als wichtiger Baustein eines funktionierenden Ökosystems im Rebberg.
Nützlinge auf Wanderschaft
Eine der wichtigsten Funktionen von Hecken und Waldstücken liegt im Wind- und Erosionsschutz. Für den Weinbau liegt die praktische Bedeutung vor allem darin, dass von diesen Rückzugsräumen aus Nützlinge in den Rebberg einwandern können. Räuberische Insekten, Vögel und Kleinsäuger, die sich in Hecken und an Waldrändern ansiedeln, übernehmen im angrenzenden Rebberg wichtige Aufgaben: Sie regulieren Schädlingspopulationen auf natürliche Weise und tragen so dazu bei, dass die Reben gesund bleiben.
Als weitere wichtige Funktionen von Hecken und Waldstücken sind zu nennen: kühlender Windschutz, Erosionsschutz in Hanglagen oder an Steilböschungen, der ästhetische Wert als Landschaftsbereicherung sowie der Lebensraum für eine artenreiche Flora und Fauna. Gerade in Zeiten des Klimawandels gewinnt dieser Nutzen zusätzlich an Gewicht.
Schutz vor Hitze und Trockenheit
So richtet ein Dürresommer in einer hecken- und baumreichen Agrarlandschaft deutlich weniger Schaden an, da Hecken und Waldränder die erodierenden, heissen Windströmungen brechen. Das wiederum minimiert die Evaporation im Rebberg – also den Wasserverlust durch Verdunstung – und hilft den Reben, auch in heissen, trockenen Perioden besser mit den vorhandenen Wasserreserven auszukommen. In Zeiten zunehmender Hitzeperioden ist dieser kühlende, wasserbewahrende Effekt ein handfester Vorteil für die Qualität der Trauben.
Hecken und Waldränder bieten auf engstem Raum eine grosse Zahl ökologischer Nischen. Sie sind Wohn- und Nahrungsraum vieler Tierarten, etwa von Waldohreule, Turmfalke, Grünspecht, Neuntöter, Dorngrasmücke, Goldammer und Wacholderdrossel. Auch Säugetiere wie Hermelin, Feldhase und Haselmaus finden hier Unterschlupf, ebenso Igel, Zauneidechse und Erdkröte. Dazu kommen unzählige Schnecken, Spinnen, Tausendfüssler und weitere Insekten, die zusammen ein feines, artenreiches Netzwerk bilden. Nur eine grosse botanische Vielfalt in und um den Rebberg kann letztlich vielen gefährdeten einheimischen Tierarten dauerhaft Lebensraum bieten – ein Grundsatz, der im biologischen Weinbau eine zentrale Rolle spielt.
Wo Hecken auch Herausforderungen mit sich bringen
Bei aller ökologischen Bedeutung sind Hecken und Waldstücke nicht ganz ohne Nachteile. Zu erwähnen sind der Schattenwurf, der eben nicht immer vortheilhaft ist, der zusätzliche Landbedarf, eine gewisse Behinderung des Maschineneinsatzes sowie die Wurzelkonkurrenz im Randbereich. Je nach Lage kann zudem ein Kaltluftstau entstehen. Inwiefern Hecken und Waldränder auch als Rückzugsort für potenzielle Schädlinge dienen können, ist bislang wenig erforscht. Das ist ein Thema, dem sich die Forschung in den kommenden Jahren vermehrt widmen dürfte.
Trotz einzelner Herausforderungen überwiegen die Vorteile von Hecken und Waldrändern im und um den Rebberg deutlich. Sie schützen vor Wind, Erosion und Hitze, fördern Nützlinge und bieten zahlreichen gefährdeten Arten ein Zuhause. Wer im Weinbau auf diese natürlichen Strukturen setzt, investiert nicht nur in die Biodiversität, sondern auch in die langfristige Widerstandsfähigkeit seiner Reben.
Weiterlesen: Reben lieben Bäume, Beitrag von Winzerberater Daniel Wyss
Über die Autorin
Emil Hauser, Weinakademiker
Für mich hat Wein archaische, urprüngliche Wesenszüge, welche sich nicht eindeutig in Worte fassen lassen. Mich der Materie Schritt um Schritt zu nähern, wird mich noch über viele Jahre in Atem halten.