Zwei Tage, zwei Familien, viel Grün: Delinat zu Besuch in Österreich
Tatsächlich war nicht grün die Farbe, die im österreichischen Kremstal den Ton angab. Denn die Weingärten der Familien Harm und Moser empfingen uns goldleuchtend, dazu die Sonne, die durch die Blätter drang - wilde Möhren, Amaranth und weitere wilde Biodiversität erzählten von einem trockenen Sommer und von Winzerfamilien, die ihre Arbeit leben. Ein Erlebnisbericht aus dem Kremstal.
Text
Daniel Wyss
Winzerberater 30.10.2026
Mitte Oktober, die Reben färben sich gelb und rot, und wir vier (Winzerberaterin Arina, die Depotleiter Pirmin und Hari, und ich, Winzerberater Dani) sind mit dem Nachtzug von der Schweiz nach Österreich getingelt. Das Ziel: unsere beiden Delinat-Winzerfamilien in Österreich. Andreas und Maria Harm sowie Niki und Kathi Moser im Kremstal, mit Weingärten im Burgenland. So viel sei bereits zu Beginn verraten: Es gab viel Schönes zu sehen und zu erleben.
Kruststetten - ein Ort, den man gesehen haben soll
Unsere erste Station war das Pop-up-Wirtshaus der Familie Harm im niederösterreichischen Kruststetten. Das Weingut von Maria und Andreas Harm für mich kurz zusammengefasst: kleine Fläche, grosse Haltung. Mitte Oktober hat uns Andreas durch seine Weingärten und in seinen Keller geführt. Dieser ist in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert untergebracht. Überall in und um Kruststetten atmet man Geschichte und sieht, wie der Wein seit Jahrhunderten zum Leben der Menschen hier gehört.
Andreas arbeitet zudem als Wissenschaftler in der Weinbauschule in Klosterneuburg, und das spürt man: Hier trifft man auf die äusserst seltene Kombination von Praxis und Wissenschaft. Die Harms haben ihre Rebfläche bewusst auf 8,5 Hektar verkleinert, damit alles gut per Handarbeit machbar bleibt. Als Rebsorte ist Grüner Veltliner bei Familie Harm der Star, zusätzlich baut Andreas auf einem halben Hektar Pinot Noir an und Weinberge als gemischter Satz. So nennt man die in Österreich traditionelle Anbauart von mehreren Rebsorten in einem Weinberg.
Rund die Hälfte der Reben bei Familie Harm steht auf tiefgründigem Löss. Löss ist dabei ein von Wind herbeigewehter Boden mit guter Wasserspeicherfähigkeit. Der Klimawandel macht sich allerdings auf allen Böden bemerkbar. Der Rekordsommer mit über 40 Grad hat das deutlich gezeigt. Beeindruckt hat uns, mit wie wenig Behandlungen Andreas im Weinberg auskam. Auf den kargen Böden reichten dieses Jahr drei Behandlungen. Auch was die Delinat-Richtlinie zu nachhaltigem Strom betrifft, zeigt sich der Betrieb der Harms vorbildlich: Solardach, Batteriespeicher und eine lokale Energiegemeinschaft sorgen dafür, dass die Delinat-Anforderungen locker erfüllt werden. Das Weingut Harm ist mit der Höchstbewertung von Delinat ausgezeichnet: Drei Schnecken von Delinat.
Ein Herzensthema von Andreas Harm ist die Vielfalt im Weinberg. Seit Jahren mäht Andreas den Unterstockbereich nur selektiv, lässt Blumen blühen und wilde Bäume wachsen. Wilde Karotten und wilder Amaranth wachsen uns zwischen den Rebzeilen entgegen. Andreas denkt dabei ganzheitlich an die Region.
Den Abschluss unseres Besuchs machte eine Begehung der Ried Goldbühel. Diese machte im Oktober ihrem Namen alle Ehre. Und genau von dort stammt unser Grüner Veltliner Ried Goldbühel. Der Grüne Veltliner ist die weisse Paraderebsorte Österreichs. Und dieser Wein liess keinen Zweifel daran, warum das so ist. Ein fantastischer Abschluss für einen wunderschönen Weintag.
Moser: Lösshügel und Seewinkel-Weite
Tags darauf haben uns Niki und Kathi Moser empfangen. Gemeinsam führen Vater, Tochter und Schwiegersohn Honza das Weingut im niederösterreichischen Rohrendorf, dessen Geschichte Jahrhunderte zurückgeht.
Die Weissweine wachsen in Rohrendorf auf Lössterrassen, umgeben von Böschungen voller Wildpflanzen, Sträuchern und Bäumen. Hier befindet sich die längste Kellergasse Europas (traditionelle Weinkellergassen, in denen Kellergebäude direkt in den Berg eingegraben wurden). Und in seiner Gesamtheit sind die Weingärten der Familie Moser ein regelrechtes Biodiversitäts-Paradies. Auch hier sind die Auswirkungen der Trockenheit im Sommer 2026 deutlich erkennbar. Dennoch ist Niki Moser sehr erfreut über die Resilienz, die die Reben und die Natur auch unter solch erschwerten Bedingungen zeigt.
Die roten Sorten, die Familie Moser ausbaut, stehen im Seewinkel bei Apetlon im Burgenland. Diesen Rebflächen entspringt auch unser beliebter Roter Zweigelt vom Holzfass. Hier trifft man auf eine weite, flache Landschaft, in der jeder Baum und jeder Strauch zählt. Genau dort hat sich Niki ins Zeug gelegt: Dutzende Bäume hat er an den Parzellenrändern gepflanzt, trotz heisser, trockener Sommer, die jedem Setzling mächtig zu schaffen machen.
Niki pflanzt übrigens auch im Dorf und in der Reblandschaft Bäume. Als Freundesgruppe von etwa zehn Leuten kümmern sie sich auch während Dürreperioden um die Bewässerung der Bäumchen. Zudem geht Niki Moser dem invasiven und daher alles andere als erwünschten Götterbaum systematisch an den Kragen. Hier kann er bereits mit erfreulichen Ergebnissen aufwarten. Beim Pflanzenschutz bleiben die Mosers sparsam und setzen auf biodynamische Präparate. Insgesamt eine sehr erfreuliche Entwicklung im Namen der Biodiversität und guter Weine.
Unser Fazit für diese unglaubliche Landschaft: Hinfahren! Und zwei Familien, und zwei komplett unterschiedliche und auf ihre Weise faszinierende Weingüter kennenlernen. Hecken, Bäume und Blumen sind hier keine Dekoration, sondern das Rückgrat gesunder Reben und einer Landschaft, die Freude macht und Lebensraum ist. Wir danken Familie Harm und Familie Moser für ihre Gastfreundschaft und für die fruchtbare Zusammenarbeit!
Über die Autorin
Daniel Wyss, Winzerberater
Ich freue mich sehr, dass ich bei Delinat mein Hobby zum Beruf machen kann. Mit Forschungs- und Beratungsprojekten unterstützen wir unsere Produzenten, ihre Produktion noch ökologischer zu gestalten.